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Upcycling-Mode aus Afrika
Aus untragbar wird tragbar
Warum landen Gefängnisuniformen aus dem globalen Norden in Kenia? Auf dem Gikomba-Markt in Nairobi, dem größten Secondhand-Angebot Ostafrikas, liegen orange Overalls zwischen Jeans und T-Shirts. Jedes Jahr importiert das Land mehr als 185.000 Tonnen gebrauchte Kleidung; bis zu 40 Prozent davon sind untragbar und enden auf Müllhalden oder im Nairobi River.
Die Fast-Fashion-Industrie produziert zu viel. Große Modemarken stellen riesige Überschuss-Mengen her. Als wohltätige Spenden getarnt landen die Kleiderberge dann im globalen Süden. Eine Art Müllkolonialismus. Gleichzeitig hauchen Verkäufer, Schneiderinnen, Stylistinnen und Designer dem Abfall ein zweites Leben ein. Mit kreativem Übermut upcyclen öko- und kulturbewusste Marken wie das kenianische Studio Maisha by Nisria sogar Secondhand-Vorhänge und machen sie zu surrealen Outfits, die auf dem Laufsteg landen.
Die erste Gikomba Fashion Show wird in der Dokumentation "Wasteland" festgehalten, deren Premiere im Juni in Nairobi stattfinden soll. Der Film folgt der Geschichte von Luca Wakarindi und betont, wie dringend notwendig eine Regulierung dessen ist, was importiert wird. Um das Bewusstsein dafür zu schärfen, werden zu der afro-futuristischen Modenschau, die trash in Stil verwandelt, auch verantwortliche Akteure wie der französische Botschafter und UN-Organisationen eingeladen.

XULY.Bët "Zipper Jacket", 2024
Ein Pionier, dem Nachhaltigkeit im Modebusiness schon lange wichtig war, ist der malische Designer Lamine Badian Kouyaté mit seinem in den 1990er-Jahren gegründeten Modelabel XULY.Bët. Seine Entwürfe werden heute von Stars wie Rihanna und Halle Berry getragen. Der Name der Marke stammt aus der westafrikanischen Sprache Wolof und bedeutet "Halte deine Augen offen". Bei seiner Großmutter in Bamako hatte Kouyaté gesehen, wie sie mit ihrer Nähmaschine aus abgetragenen Kleidungsstücken immer neue Variationen zauberte. Und wenn ein Pullover aus dem Norden in der heißesten Jahreszeit ankam, musste man ihm für gewöhnlich die Ärmel abschneiden.
Gefällt einer Malierin ein Chanel-Kostüm in einem Magazin, lässt sie es sich von einem lokalen Schneider aus afrikanischem Stoff nachmachen. Patchwork aus unterschiedlichen Materialien und Stilen hat hier Tradition – und für Kouyaté wurden Assemblage und Upcycling zur künstlerischen Praxis. In Paris wurde der Montreuil-Flohmarkt zu einer reichen Fundgrube. Alte NFL-Shirts, Sportswear, ungenutzte Lagerbestände verschiedener Labels, große Zahlen und Buchstaben, umgedrehte rote Nähte und viel Stretchmaterial verschmelzen zu einem wilden Mix aus Streetwear und Couture.
Ursprünglich war Kouyaté zum Architekturstudium nach Frankreich gekommen. Als Autodidakt nähte er zunächst für Freunde und Freundinnen aus der Clubszene seine ersten Kreationen. Sie sollten Freiräume schaffen und Frauen Stärke verleihen. "Kleidung und Gebäude sind dafür gemacht, fragile menschliche Körper zu schützen", sagt der Designer. "Sie sollen uns vor unserer Nacktheit bewahren."
Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg widmet seinem Label gerade eine Einzelausstellung mit dem Titel "XULY.Bët Funkin’ Fashion Factory 100% Recycled". Und er ist Teil der Londoner Ausstellung "Dirty Looks: Desire and Decay in Fashion" in der Barbican Art Gallery. Dort werden etwa 120 Arbeiten von 60 internationalen Designern gezeigt, darunter Vivienne Westwood, Hussein Chalayan, Robert Wun, Yuima Nakazato und Bubu Ogisi. Die ausgewählten Exponate zeigen die schillernde Bandbreite der Beziehung zwischen Mode und Schmutz.
Die Verunreinigung durch Erde, Weinflecken oder Körperflüssigkeiten wird dabei einerseits zur Metapher einer Nostalgie und romantischen Sehnsucht nach Natürlichkeit und Authentizität – vergleichbar mit der Verfallskunst barocker Ruinen. Zugleich fungiert sie als Ausdruck einer Rebellion gegen das Schönheitsideal einer makellosen, sauberen, ewig jungen Modeindustrie in einer immer technischer und künstlicher werdenden Welt.
Andererseits gilt die Branche selbst als eine der größten globalen Umweltverschmutzerinnen: Sie verursacht massive Emissionen, hat einen enormen Wasserverbrauch und hinterlässt irreversible Spuren durch Mikroplastik und Berge von Textilmüll. Als der japanische Modemacher Yuima Nakazato die Deponien in Kenia mit Millionen Tonnen ausrangierter Fast-Fashion-Kleidung sah und mit Anwohnerinnen in der Umgebung sprach, war er tief schockiert. Das Gefühl überwältigender Hilflosigkeit konnte er nur überwinden, indem er Schönheit im Verfall suchte. So ließ er eine Technik entwickeln, um Farbstoffe zu extrahieren und auf recycelter Mode wiederzuverwenden. Auch Nakazato gilt als Pionier nachhaltiger Mode, wie sich etwa im Film "Dust to Dust" (2024) nachvollziehen lässt.

IAMISIGO, lehmgefärbtes Barkcloth-Kleid, "Shadows", Frühjahr/Sommer-Kollektion 2024
Radikaler formuliert es der ugandische Designer Bobby Kolade, der sich selbst als "Kriminalermittler" bezeichnet. Von Berlin ging er zurück nach Kampala, gründete das Label Buzigahill und nannte sein erstes Projekt "Return to Sender". Damit kritisiert er die koloniale Haltung westlicher Modezentren, die ihren Kleidermüll in afrikanischen Ländern entsorgen.
Die Kollektion von Buzigahill rekonstruiert sorgfältig ausgewählte gebrauchte Kleidung in Uganda und verkauft sie zurück in die Länder, aus denen sie stammt. So weigert sich Kolade, "am Ende der globalen Secondhand-Lieferkette gefangen zu bleiben".
Auch die nigerianische Designerin Bubu Ogisi ist mit ihrem Label Iamisigo in der Londoner "Dirty Looks"-Ausstellung vertreten. Ihre Form des Widerstands gegen den textilen Neokolonialismus wirkt poetischer. Ogisi verwendet traditionell gefertigtes Baumrindentuch, um indigene Praktiken zu bewahren. "Celestial Being" aus der Frühjahr/Sommer-Kollektion 2023 besteht aus langen, weißen, wehenden Fasern aus den Blättern der Sisal-Agave. Diese werden wegen ihrer Robustheit auch für Seile genutzt und sollen heilende Eigenschaften haben.
Das schwebend leichte Kleidungsstück ist nach Umale Okun benannt, der Meeresgottheit der Itsekiri-Religion. Ogisi beschreibt ihr Schaffen als Akt der Wertschätzung: "das Land ehren, die, die vorher kamen, und die unsichtbaren Kräfte, die unsere Wege bestimmen". Geleitet wird sie von den drei heiligsten Kräften der spirituellen westafrikanischen Tradition Ifà: den Ahnen, der Erde und der höchsten Energie.
Ihre Materialien erzählen Geschichten. Die Frühjahr/Sommer-Kollektion 2022 "Green Water, Blue Forest" vereint handgewebten Hanf mit gehäkeltem, recycelten Plastik. Ogisis Mutter arbeitete für die Nigerian National Petroleum Corporation. Als Ogisi erfuhr, dass Plastik aus Rohöl entsteht, faszinierte sie der Widerspruch. Warum hassen wir ein Material, das aus genau der Erde stammt, die wir schützen wollen? "Menschen dämonisieren Plastik", sagt sie, "aber es ist ein Material, das ebenfalls von der Erde kommt – Rohöl ist das Resultat von Millionen Jahren des organischen Verfalls." Vielleicht ist also doch alles ein Kreislauf. Mit der Zeit werden die Ahnen zu Erde, das Land selbst zu einem Ahnen – und die Kleidermüllberge samt ihrer Geschichten im Idealfall zu etwas Neuem.
