https://www.sueddeutsche.de/kolumne/leserbriefe-alkohol-staat-freiheit-li.3331502
Alkohol- und Tempolimit
Alkohol- und Geschwindigkeitsrausch auf der Autobahn scheinen die letzten Refugien anarchischer Freiheit, die im überregulierten Deutschland von Männern besonders hartnäckig verteidigt werden. Da der Deutsche bekanntlich eher emotionsarm und humorgehemmt ist, braucht er anscheinend besonders viel Alkohol, um sich locker zu machen - sonst würden wir im internationalen Vergleich nicht zu den Hochkonsumländern zählen.
Der SZ-Autor trauert den alten Zeiten nach, als eine offiziell organisierte Sauftour im Frühjahr 1990 selbst bei einem deutsch-französischen Schüleraustausch noch normal schien. Damals, als man selbstverständlich um die Wette trank, hätte das Leben womöglich „ein klitzekleines bisschen mehr Spaß gemacht“ als heute, wo man „um die Wette vernünftig“ ist und weniger säuft. Dabei unterschlägt der Autor (wie leider die meisten Artikel zum Thema), dass Alkohol eben nicht nur dem eigenen Körper schadet, sondern enorme gesamtgesellschaftliche Folgekosten von etwa 60 Milliarden Euro pro Jahr verursacht, die die Allgemeinheit zahlen muss. Das führt zu immer höheren Krankenkassenbeiträgen und Sozialabgaben. Der finanzielle und menschliche Alkohol-Kollateralschaden durch Unfälle, Gewalt, Polizeieinsätze, Arbeitsausfälle, Frühverrentung sind ungleich höher als bei anderen Drogen wie etwa Kokain. Entsprechend sollte die Drogenpolitik angepasst werden.
So empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO gemäß dem Verursacherprinzip bei Umweltschäden, dass Alkohol-Produzenten und -Konsumenten den Schaden, den sie für die Gemeinschaft anrichten, selbst tragen sollten, indem schlicht und einfach die Alkohol-Preise erhöht werden. Und indem Reklame verboten und der Verkauf eingeschränkt werden - wie in den meisten Ländern der Erde, wo es vernünftigerweise auch Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt. Wie fröhlich lässt es sich im Ausland feiern und tanzen - ohne dass sich Männer verklemmt an ihren Bieren und Weingläsern festhalten müssen!
