https://www.sueddeutsche.de/kolumne/gaza-frieden-geiseln-trump-leserbriefe-li.3325903
Ein-Staaten-Lösung?
Tomas Avenarius argumentiert sehr richtig, dass die Zweistaatenlösung für Diplomaten zur „bequem gewordenen Lebenslüge“ geworden ist, da die „ungehemmte Siedlungspolitik“ jeder Regierung „für Israels Nein zur Zweistaatenlösung“ steht. Warum aber sprechen seiner Meinung nach die „demografischen Realitäten“ gegen einen gemeinsamen Staat? Wo doch zwischen Mittelmeer und Jordan von den mehr als 14 Millionen Menschen etwa die Hälfte Juden und die andere Hälfte Palästinenser sind?
Da sollten jüdische Israelis weniger Angst vor einem gemeinsamen Staat mit gleichen Rechten haben als die damals zahlenmäßig weitaus unterlegenen Weißen in Südafrika. Diese begründeten ihr Festhalten an einer Politik der Apartheid und der Homelands auch lange damit, sie wollten nicht von indigenen „unzivilisierten Horden“ überrannt und vertrieben werden oder im Chaos schlecht regierter Nachbarstaaten enden und müssten deswegen ihre Vorherrschaft und Kontrolle über das ganze Land beibehalten. Grausam waren auch dort die Verwerfungen, der Widerstand des ANC nicht nur friedlich – letztlich halfen internationale Boykottmaßnahmen der Gerechtigkeit zum Durchbruch.
Avenarius spricht vom „Jahrhundertstreit zwischen Juden und Arabern“ – obwohl die jüdische Koexistenz in Palästina und der arabischen Welt weit besser funktionierte als im christlichen Europa. Statt unsachlichem stereotypem Palästinenser-Bashing (angeblich hätten sie Israel noch nicht „glaubwürdig“ akzeptiert – trotz Oslo?) wäre also dringend mehr Selbstkritik angebracht. Denn ohne den jahrhundertealten christlichen Antijudaismus, europäischen Antisemitismus und Holocaust hätte es keinen jüdischen Staat im Land der Palästinenser gegeben, keine Nakba und Apartheid. Denken wir, wir können durch unser Schweigen zu diesem kolossalen Unrecht unsere eigene Schuld gegenüber den Juden mit dem Blut der Palästinenser abwaschen?
